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Leseprobe aus “Das Glück Saramees” 18. September 2009

In Folge präsentieren wir eine Leseprobe aus “Das Glück Saramees”. Hierbei handelt es sich um die Einleitung der Story “Helden der Nacht” von Christian Endres. Die Illustration stammt von Chris Schlicht.

Egal wie finster die Nacht war – der stille, dunkle Hinterhof ängstigte Miravles längst nicht mehr. Nicht nur, dass Miravles zu alt war, um sich wirklich vor etwas zu fürchten. Zu oft schon war er in den letzten fünfunddreißig Jahren spät – zu spät, wie seine Frau sagen würde – aus dem Laden gekommen, wenn die Schatten und unübersichtlichen Ecken hinten im Hof bereits etwas Bedrohliches an sich hatten.
Nichtsdestotrotz wäre Miravles auch heute wieder einmal lieber eher aus dem Laden und demzufolge früher nach Hause gekommen – und sei es nur, um mit Barila noch einen kleinen Spaziergang machen zu können. Sie verbrachten seltsamerweise sowieso immer weniger Zeit miteinander, je älter sie wurden. Und gemeinsame Zeit war etwas, das mit dem Alter immer kostbarer wurde, wie Miravles wusste.
Doch der Laden war Miravles’ Leben, und so ließ der alte Mann sich jeden Tag von Neuem bereitwillig darin festhalten. Anderen helfen, Tinkturen herstellen, Hoffnung schenken – das war Miravles’ wahre Berufung und seine Passion, seit er seine Eltern in jungen Jahren an ein garstiges Fieber in der Regenzeit und die Inkompetenz eines versoffenen Arztes verloren hatte, damals, in jener finsteren Stunde, gegen die diese Nacht im Mondlicht ohnehin ein strahlend heller Tag zu sein schien.
Miravles schloss die Hintertür sorgfältig ab, verstaute den Schlüssel in der Innentasche seiner Tunika und wollte wie jeden Abend den Hof durchqueren und in die schmale Gasse zwischen seinem Laden und der Bäckerei schlüpfen, um endlich nach Hause zu gehen, wo Barila bestimmt schon wieder wie ein Letard in der Nähe der Tür herumstrich.
Kurz bevor er die Gasse betreten konnte, traten zwei schlanke Schatten aus den Schatten im Hof und versperrten Miravles den Weg.
Als Heiler respektierte Miravles von Berufs wegen das Leben zu sehr, um eine Waffe unter der Kleidung zu tragen. Dennoch wünschte er sich in diesem Augenblick Müdigkeit, Weisheit und Verantwortung von den Schultern und stattdessen einen Dolch in die Faust, um sich nicht so elendig schutzlos zu fühlen. Sein Magen verkrampfte sich.
»Kann ich Euch helfen, Freunde?«, fragte er trotzdem ruhig.
»Helfen?« Einer der Schatten trat noch einen Schritt nach vorn und wurde im Mondlicht zu einem jungen Glisk mit sahnefarbenen Schuppen. Eine hässliche, schlecht verheilte Narbe verunstaltete das Gesicht des schlaksigen Baumbewohners, wie Miravles mit dem unbeeindruckten Blick des Fachmannes feststellte. Die Krallen des Glisk klickten leise, als er die Finger seiner rechten Klauenhand nervös bewegte. »Gib uns deinen Säckel, Alter, dann hast du uns genug geholfen.«
»Genau.« Der zweite Glisk trat nun ebenfalls nach vorn und hob drohend seinen armlangen Knüppel aus Tropenholz, dessen Griff mit Leder umwickelt war. »Mach schon – gib her, Mensch!«
Miravles spürte, wie Trotz die Angst in seinem Inneren ablöste.
Es ging ihm nicht um den Beutel mit den Tageseinnahmen, den er am Herzen trug. Es war ja nicht einmal ein besonders ertragreicher Tag gewesen – wie die wenigsten Tage in den letzten Wochen, seit die Leute immer höhere Preise für einfache Lebensmittel aufbringen mussten. Für Miravles war es eher eine Frage des Prinzips. Ihn hatte noch nie jemand belästigt oder ausgeraubt. Er galt als unantastbar in diesem Viertel – ein milder Wohltäter und väterlicher Freund, dem man mit Höflichkeit und Dankbarkeit begegnete. Er hatte unzählige Leiden gelindert, Krankheiten erträglich gemacht und Leben geschenkt, gerettet oder verlängert. Die Leute in dieser Gegend – egal ob Dieb, Sklave, Schläger, Mutter, Hure oder Händler – achteten ihn.
Die beiden Glisk waren nicht aus dieser Gegend.
»Ich will keinen Streit, Freunde.« Miravles hob beschwichtigend die Hände. »Geht Eurer Wege, und wir vergessen die Sache einfach.«
Die Narbe des Glisk krümmte sich wie ein Sichelmond, als er ein hässliches Grinsen auf sein schmales, ausgemergeltes Gesicht zauberte.
»Vergessen? Streit?« In seinem Auge blitzte es kurz auf. »Alter Mann, du schwingst vielleicht Reden! Wer soll uns denn aufhalten? Du?«
Beide Glisk lachten bellend.
»Ich.«
Es war eine einzige Silbe, die mit dem Mondlicht auf die Erde sickerte – und doch genügte sie, um das raue Gelächter der beiden Glisk verstummen und die Ganoven erschrocken herumfahren zu lassen.
Auch Miravles hob den Blick. Auf der Mauer im Rücken der beiden Räuber stand ein dritter Schatten, der bedrohlich und düster vor dem Mond aufragte. Ein langer, am Ende stark ausgefranster Umhang flatterte unruhig nach rechts und knisterte wie eine Fahne im warmen Nachtwind, der die vertrauten Gerüche Saramees mit sich trug.
»Na, was haben wir denn da?« Die Glisk fassten sich schnell wieder und ließen ihre Knüppel vielsagend in die Krallenhände klatschen.
»Komm runter! Vielleicht hast du ja auch was für uns …«
Kurz herrschte Schweigen im Hinterhof.
»Nur Gerechtigkeit«, lautete schließlich die heiser geflüsterte Antwort des Mannes auf der Mauer. Dann sprang er in einem Wirbel aus dunklem Leder in die Luft und verdeckte den Mond wie ein überdimensionaler Lederschwinger. Ein Rauschen, Zischen und Klatschen, und plötzlich stand er zwischen Miravles und den Glisk-Straßenräubern.
Miravles erwartete, dass sein Retter nun mit einem weiteren Rauschen herumfahren würde, um es den beiden Kerlen so richtig zu zeigen. Doch der Fremde bewegte sich nicht und stand bloß wie versteinert da.
»Verdammt«, fluchte er im nächsten Moment leise, ging stöhnend in die Hocke und fasste sich mit beiden Händen an den linken Knöchel.
Miravles reagierte als Erster – und überdies erstaunlich schnell für einen Mann seines Alters.
Der Heiler nahm die Beine in die Hand und sprintete aus der Gasse, noch ehe die beiden Glisk heransprangen und ihre Knüppel auf die zusammengekrümmte Gestalt unter dem Umhang niederfahren ließen…

***

Miravles beugte sich über den Fremden, der reglos auf dem Rücken lag. Der dunkelbraune Lederumhang lugte wie ein Seestern unter der ausgestreckten Gestalt des Mannes hervor. Miravles konnte das Gesicht des Fremden nicht erkennen, da es von einer Ledermaske verborgen wurde, die nur zwei schmale Sehschlitze, aufgeplatzte Lippen und eine stoppelige Kinnpartie aussparte.
»Sind sie weg?« Die heisere Stimme von Miravles’ verhindertem Retter kündete von Schmerz und noch etwas anderem, vielleicht unterdrücktem Ärger, mit Sicherheit aber verletztem Stolz.
Miravles nickte. »Sonst wäre ich kaum zurückgekommen«, antwortete er ehrlich.
»Tut mir leid …«
»Was denn?« Der Heiler half dem sichtlich angeschlagenen Maskierten auf die Füße. »Ich habe mein Geld noch, und mich haben sie nicht verprügelt.« Dann meldete sich sein berufliches Gewissen: »Tut es sehr weh?«
»Schattenschwinge kennt keinen Schmerz.«
Miravles’ dunkelgraue Augenbrauen wölbten sich in Richtung Stirn.
»Schattenschwinge?«
»Bin neu im Geschäft.« Schattenschwinge taumelte und musste sich an der Wand abstützen, um nicht erneut wenig heldenhaft der Länge nach hinzufallen. Er schüttelte den Kopf – abgekämpft und benommen.
Miravles tat es ihm gleich – allerdings bedauernd.
»Soll ich Euch etwas gegen die Schmerzen geben?«
»Wie gesagt, Schattenschwinge …«
»… kennt keinen Schmerz, ja ja.« Miravles griff nach seinem Beutel, fischte zwei Münzen heraus und hielt sie dem Maskierten unter die ledergeschützte Nase. Ihm gab er die Cil gern. »Hier. Kauft Euch wenigstens einen Becher Wetah. Das wird Euch von Euren Schmerzen ablenken. Die Ihr nicht kennt, aber …«
Der Fremde wich zurück und raffte seinen Umhang schützend vor sich. »Ich darf von Euch nichts annehmen.« Wieder dieses heisere, grollende Flüstern aus dem Schattenreich. »Helden nehmen keine Bezahlung entgegen.«
»Hm. Na gut. Wartet kurz.« Ehe der Mann widersprechen konnte, war Miravles an der Tür, schloss sie auf und verschwand im Dunkel seines Ladens. Als er nur wenige Augenblicke später zurückkehrte, hielt er ein kleines Töpfchen in der Hand.
Doch der Hof war leer und gehörte ganz der Nacht.
»Seltsamer Kerl.«
Nachdenklich betrachtete Miravles das Tongefäß.
Der alte Heiler hätte dem Fremden gerne etwas gegen dessen Heiserkeit gegeben.

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Illustration von Chris Schlucht zu HELDEN DER NACHT

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